Zeitenspringer suchen Lebenslinien
Im September 2005 besuchten uns ehemalige Schüler der Dresdner Rudolf Steiner Schule (1929-1941, 1945-1949). Es war für unsere Schule ein wirkliches Festwochenende. Die Begegnung mit den Ehemaligen, ihren Erinnerungen und der Dankbarkeit ihrer Schulzeit gegenüber hat bei Lehrern, Eltern, vor allem aber auch Schülern einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
„Vor Beginn des Geschichtsprojektes waren wir sehr unwissend über das Thema 2. Weltkrieg. Nie zuvor hatten wir uns mit dem Thema auseinander gesetzt. Das einzige, was wir wussten, war, dass es viel Elend, Zerstörung und Hunger gegeben hatte. Niemand wusste, dass diese Zeit auch eine schöne für die Waldorfschüler in Dresden gewesen war. Als wir erfuhren, dass wir ehemalige Waldorfschüler befragen sollten, waren wir zuerst ein wenig skeptisch. Jetzt sind wir sehr froh und zuversichtlich und fanden es gut, dass wir die Möglichkeit hatten diese Menschen kennen lernen zu können.
Wir hatten in dieser Zeit die Chance von viel Freude und Leid zu erfahren. Auf der einen Seite als Kind unter Kriegsverhältnissen zu leben, auf der anderen Seite die Waldorfschule als Ort zum Lernen und Fröhlich-Sein zu haben. Nach dem Geschichtsprojekt können wir besser nachvollziehen, wie es war in der damaligen Zeit unter der Herrschaft von Adolf Hitler zu leben. Was für uns aber unvorstellbar bleibt, ist ein Familienmitglied zu verlieren und in einer Trümmerwüste leben zu müssen.
Die Gespräche waren für uns aufschlussreich und interessant, besonders, weil man auch einen Einblick in den Verlauf des weiteren Lebens bekam.
Irgendwie lernten wir uns auch ein bisschen glücklich zu schätzen, dass wir heute leben und nicht damals. Obwohl es heute natürlich auch keine heile Welt ist.“ (Juliane, 8. Klasse)
„Das Treffen mit den ehemaligen Waldorfschülern von 1945/1949 war wesentlich interessanter, als wir uns es vorgestellt hatten. Die Vorstellung, damals bei Kerzenlicht, in einer Klasse die teilweise aus mehr als 50 Schülern bestand zu arbeiten, beeindruckte uns sehr. Trotz der schwierigen politischen Situation war die Schule sehr gefragt. Trotz schlechten Wärmebedingungen, Mangel an Material und Nahrung gingen die Schüler gern in ihre Schule. Die Lehrer wurden von den Schülern sehr geschätzt und verehrt. Die Schule prägte ein großer „Zusammenhalt“ und soziales Miteinander. Eine Ehemalige berichtete uns: „Wir setzten uns damals auf unsere steinharten Natronbrötchen, damit wir hineinbeißen konnten.“ Für die Suppe, die in alten Gasmasken serviert wurde, musste man sein eigenes Besteck mitbringen.
Da die Waldorfschule eine Freie Schule war und vom staatlichen Lehrplan abwich – führte dies 1949 zur Schließung der Schule. Unerfahrene junge Lehrer wurden vom Staat eingestellt. Die Lehrer waren hilflos, als die Schüler protestierend zum Morgenspruch ihre Eurythmiestäbe schwangen und Sprachübungen aufsagten- und das jeden Morgen! Das war der Protest der Schüler gegen das neue Schulsystem. Dieses System und die neuen Lehrer führten dazu, dass die Klassen auf mehr als die Hälfte schrumpften und ein Großteil der Familien in den Westteil Deutschlands flüchteten, um dort andere Waldorfschulen zu besuchen.“ (Elisabeth und Friederike, 9. Klasse)
Die Schüler der Klassen 8b und 9 nahmen das Treffen zum Anlass, sich mit der Geschichte der Schule auseinanderzusetzen und beteiligten sich am Wettbewerb Zeitensprünge. Ihre Projektidee fand Erfolg und wurde mit 29 anderen Projekten prämiert. Zur Unterstützung der Arbeit gab es einen Geldbetrag, einen MP3-Player, eine Digitalkamera und T-Shirts.
Das Jugendprogramm Zeitensprünge ist eine Initiative der Stiftung Demokratische Jugend. Es wird unterstützt durch das Staatsministerium für Soziales des Freistaat Sachsen und begleitet von der Sächsischen Jugendstiftung.
Im Frühjahr besuchte uns ein ehemaliger jüdischer Schüler der Rudolf Steiner Schule, der seit 1937 in den Niederlanden lebt, und erkundigte sich nach einem Mitschüler, den er seit seiner Flucht aus Deutschland nicht mehr gesehen hat. Wir konnten ihm tatsächlich die Adresse vermitteln und die beiden Schulfreunde haben sich sehr über ihr Wiedersehen gefreut.




